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Informationsveranstaltung C-Zell-Karzinom (MTC) Protokoll der
Informationsveranstaltung C-Zell-Karzinom (MTC)
Schwerpunkt fortgeschrittenes Stadium
am Samstag, 15.10.2005 von 14-17.30 Uhr in Heidelberg
Bemerkung: Die Inhalte der Vorträge werden nur wiedergegeben, soweit sie sich nicht mit denen der Vorträge in Essen 2003 und Halle 2004 decken. Bei den einzelnen Referaten wird ggf. noch einmal darauf verwiesen. Die beiden Protokolle können jederzeit und kostenfrei bei Bettina Kurz bestellt werden. Ich gebe nur wieder, was vorgetragen wurde: Da in einem Protokoll nicht alle Fachausdrücke an Ort und Stelle erklärt werden können, habe ich ein Glossar erstellt, das ebenfalls gerne per Post oder E-Mail von mir zugeschickt wird.
Die Veranstaltung war mit ca. 100 Interessierten gut besucht.
Nach der Begrüßung um 14 Uhr durch German Fellhauer wurde der Vortrag von Prof. Haberkorn vorgezogen, da dieser weiter nach Istanbul musste.
1. Vortrag
Prof. Haberkorn, Abt. Nuklearmedizin, Radiologische Klinik der Universität Heidelberg
Unter den Tumoren mit SSTR(Somatostatin-Rezeptor)2-Expression ist auch das MTC, das in bestimmten Prozentzahlen auch passende Rezeptoren aufweist. Das kann man nicht nur zur Diagnose sondern auch zur Therapie nutzen, indem radioaktive Atome (Itrium 90, Lutetium 177 (Beta-Strahlung + Gamma-Strahlung)) eingeschleust werden. Wenn Tumore auf diese Weise nicht darstellbar sind, sind sie so auch nicht therapierbar, weil keine Rezeptoren vorhanden sind, an denen angedockt werden könnte.
Wenn es Rezeptoren gibt, kann man einen radioaktiv markierten Antikörper (Peptid) in die Zelle bringen, die so zerstört wird. Es kann dann wiederum durch Diagnostik kontrolliert werden, ob das auch funktioniert hat bzw. was es bewirkt hat.
- Die Kriterien für eine Radiopeptid-Therapie sind:
- inoperable, multiple Metastasen
- kein Erfolg mit etablierten Therapien
- entsprechende Oberflächenstruktur muss in ausreichender Menge vorhanden sein
- möglichst homogene Verteilung
- Tumore sollten sich möglichst außerhalb der Blut-Hirn-Schranke befinden.
In der Diagnostik vor der Therapie muss/kann eine Vorhersage über das Ansprechen getroffen werden bzw. Primärtumor und/oder Metastasen festgestellt werden.
- keine Chemo- oder Strahlentherapie in best. Zeitabständen vor und nach Therapie
- ausreichende Speicherung in der prätherapeutischen Szintigrafie
- Nierenfunktionsszintigramm in Ordnung (wirkt toxisch auf die Nieren)
- Blutbild o.k. (kann unter der Therapie abfallen)
- keine gleichzeitige Therapie mit Somatostatin-Analoga.
Die Therapie wird stationär in vier Tagen durchgeführt:
1. Tag: Infusion von Aminosäuren zum Nierenschutz, 30 Min. vorher; 20 Min DOTATOC; parallel dazu werden über vier Stunden Aminosäuren gegeben, was als Nebenwirkung oft Erbrechen auslöst. Bis zum Einschlafen werden stündlich die Vitalwerte gemessen.
2. Tag: Aufnahmen zur Kontrolle der Verteilung.
3. Tag: Kontrolle der Nierenwerte + Urinuntersuchung
4. Tag: Entlassung, wenn Beschwerdefreiheit. Weitere ambulante Nachsorge.
Die Therapie wird in drei Zyklen pro Vierteljahr durchgeführt. Der Vorteil gegenüber einer Chemotherapie liegt darin, dass viel geringere Stoffmengen zugeführt werden und eine Kontrolle der Anreicherung möglich ist.
Die unerwünschten Nebenwirkungen:
- Nierenversagen (drei Patienten sind nach der Behandlung dialysepflichtig geworden)
- bei wiederholter Therapie sind Nierenschäden wahrscheinlich.
- Absinken der weißen Blutkörperchen
- Schwindel, Übelkeit, Erbrechen
- häufig ist das Knochenmark betroffen, sporadisch steigen die Leberenzyme an
- Kraftlosigkeit ein bis zwei Wochen nach der Therapie.
Bei PatientInnen mit anderen Tumoren konnte bei 89% eine positive Wirkung festgestellt werden, bei 11% nicht.
Bei einer Studie mit 21 MTC-PatientInnen, die zwei bis acht Zyklen mit unterschiedlicher Dosis bekamen, war die Ansprechrate eher gering (überprüft durch CEA- und Calcitonin-Werte), bei kleineren Tumoren etwas besser. Der Erfolg hängt davon ab, ob genügend Rezeptoren vorhanden sind. Bessere Perspektiven könnten sich ergeben durch die Kombination verschiedener Behandlungsmethoden - z. B. Radiopeptid- + Strahlentherapie - oder die Entwicklung neuer Peptide.
Da Herr Prof. Haberkorn weg musste, konnten hier keine Fragen beantwortet werden. Weitere/andere Aspekte zu nuklearmedizinischer Therapie siehe auch das Protokoll der Veranstaltung in Halle vom 13.11.2004, Vortrag 6. von Prof. Baum, "PET, PET-CT und nuklearmedizinische Therapie bei neuroendokrinen Tumoren".
Den 2. Vortrag von German Fellhauer habe ich nicht protokolliert, nur neu formatiert, damit er ins Protokoll passt. Er wird hier so wiedergegeben, wie German ihn zur Verfügung gestellt hat.
2. Vortrag
German Fellhauer - Patientengeschichte
Ich hatte mein Leben schon mit 16 bis ins hohe Rentenalter geplant und verplant. Heiraten, Kinder, kleines Häusle, größeres Häusle und dann mit 65 das tun, was ich während meinem Arbeitsleben alles nicht tun konnte.
Daran ändert sich auch nichts, als mich mein Hausarzt wegen einem knotigen Kropf zum Radiologen schickt. Schließlich haben alle zehn Geschwister meiner Mutter Schilddrüsenoperationen hinter sich.
Bis zum 20.4.1994 lief alles wie am Schnürchen das war zwei Tage nach meiner Schilddrüsenoperation. Wegen zunehmender Schmerzen beim Sprechen hatte ich mich dazu entschlossen. Wegen angeblicher Harmlosigkeit war ich dazu im Kreiskrankenhaus.
Ich wurde mit der geänderten Diagnose konfrontiert und sofort nach Mannheim verlegt und dort operiert, obwohl gleichzeitig in der gleichen Entfernung in Heidelberg der damals einzige spezialisierte Chirurg, Prof. Buhr tätig war. Da ich in Mannheim nicht systematisch operiert worden war, erfolgten zwei Nachoperationen bei Prof. Buhr, der inzwischen nach Berlin gegangen war.
Nach der letzten Operation stellte der Pathologe die Diagnose "Lymphangiosis Carcinomatosa" d.h. der Tumor infiltriert bereits umliegendes Gewebe wie z.B. Muskeln.
Die neue Strategie heißt: nur noch beobachten.
Ich habe dann allerhand additive Therapien ausprobiert, wie z.B. Ölziehen, Kefirtrinken, Knoblauch, kein Alkohol, Radfahren, Autologe Target-Cytokine Prof. Behr, München (3000 DM ohne jede Wirkung)....u.v.a.
Das schlimmste war das ständige Hoffen auf Verbesserung und die genau so häufigen Enttäuschungen.
Ich besuche eine Heidelberger Selbsthilfegruppe, eine Gesprächsgruppe von Menschen mit verschiedensten Tumoren mit teilweise sehr schwerem Verlauf. Mehrere von ihnen sind in den zwei Jahren meiner Mitgliedschaft verstorben. Nahezu alle machten Psychotherapie und obwohl ich der Meinung war, dass ich das nicht brauche, habe ich mich schließlich zu diesem Abenteuer entschlossen.
Nach einigen Monaten kommt eine Frau hinzu, die tatsächlich die genau gleiche Erkrankung hat wie ich. Das war ein Anstoß zur Entstehung unserer SHG.
Die Psychotherapeutin begrüßt mich mit dem Satz: "Sie sehen aber gut aus." Das regt mich gleich auf, denn ich höre das oft, fühle mich aber nicht so! Die Therapie war ein hartes Stück Arbeit und das Hauptthema war der Stress mit meiner Arbeit.
Parallel bekam ich durch die Erstkommunion meiner Tochter wieder engeren Kontakt zur Kirche - erstmals als Glaubensgemeinschaft. Als Kind und Jugendlicher erlebt man das anders, da ist das Routine, Pflicht oder halt einfach so. Ich beschäftige mich mit dem Sinn des Lebens und lerne mich selbst langsam kennen - das war bisher kein Thema.
Ich gebe die Karrierepläne aus meiner Jugendzeit auf. Ich versuche, meine Familie zum Sinn meines Lebens zu machen - ich hatte bisher nur geglaubt, dass es schon so sei. Arbeit soll nur noch ein notwendiges Übel sein. An der vollständigen Erlangung dieser Einstellung arbeite ich heute noch.
Ab jetzt geht es mir besser. Mein größtes Problem ist die Arbeit. Ich habe keine Chance, meine Situation zu ändern. Ein Schwerbehindertenausweis ohne äußerlich erkennbare Mängel ist für einen Arbeitgeber schlimmer, als wenn man ohne Arme oder Beine ist. In einer Firma mit 50.000 Mitarbeitern ist keine andere Stelle für mich zu finden, die gehaltliche Entwicklung der direkten Kollegen gehen an einem selbst spurlos vorüber, obwohl man mehr Leistung zeigt!
Ich weiche dem Stress bei der Arbeit mit einer Krankmeldung aus, denn eigentlich bin ich ja auch krank. Nach zwei Wochen Krankengeldzahlung zwingt mich die Krankenkasse in eine Kur oder zur Stellung eines Antrags auf EU-Rente. Das war auch wieder Stress! Aber es war zum Glück der richtige Zeitpunkt. Ich hatte gerade die Anspruchsvoraussetzungen für die Betriebsrente erfüllt.
Ich habe gelernt: Jeder Mensch hat seine Probleme, keiner hat den Anspruch 80 zu werden. Ich muss versuchen, aus der Zeit, die mir zur Verfügung steht, das Beste zu machen. Das Leben kann für jeden von uns, für alle Menschen schon morgen zu Ende sein.
Mein neues Ziel heißt: Ich will der Erste sein der mit einem CEA von 10.000 noch lebt. Ich habe heute nicht schon 1.000 erreicht, sondern gerade erst mal 10 Prozent. Kaum ein Untersuchungsergebnis kann mich noch schocken.
Mir geht es so gut wie noch selten zuvor. Ich kremple mein Leben um und beginne den Traum meiner Frau und Kinder zu verwirklichen. Wir ziehen in den Odenwald und leben mit Pferden in der Natur überall um uns herum.
2004 setzen dann Durchfälle ein. täglich Loperamid. Etwa jeden Monat brauche ich eine Tablette täglich mehr.
Beim Versuch einer Somatostatin-Therapie muss ich die Loperamid-Dosis verdoppeln. Ich breche wieder ab. Jetzt stelle ich Sehstörungen fest: Es verschwindet bei kleinflächigen Strukturen die rote Farbe und punktuelle Unschärfe. Die Augenärztin bestätigt meine Beobachtungen mit einem Farbtest und Gesichtsfeldtest und sieht typische Anzeichen für Druck auf den Sehnerv: Verdacht auf Hirnmetastasen. Das war dann doch ein Schock. Als Notfall zum Neurologen: Der hat keine Zeit und hört nicht zu: Er redet von eiergroßen Metastasen die Epilepsie verursachen, ich Frage nach Mikrometastasen - sowas kennt er nicht. Ab zum MRT vom Kopf. Da kommt nix dabei raus: alles schön glatt. Das kenne ich ja schon: seit zehn Jahren habe ich steigende Tumormarker, es sind aber keine wachsenden Metastasen zu sehen.
Lebensqualität bei Durchfällen: Am Anfang war die Unterdrückung der Durchfälle einfach: morgens eine Loperamid, als es schlimmer wurde zwei, dann drei. Bei einer Dosis von fünf Loperamid treten morgens trotz der Einnahme wieder Durchfälle auf. Ich nehme jetzt morgens und abends. Nach elf Tabletten täglich beginnt mit der Umstellung auf Opiumtinktur ein neues Drama. Zwei Monate habe ich versucht, nur mit Opiumtinktur auszukommen. Ich muss mir die Uhrzeiten der Einnahme notieren und trotzdem habe ich oft noch die Rennerei - fürchterlich! Und das Zeug macht müde. Als ich morgens gleich nach dem Aufstehen Opiumtinktur genommen habe, bin ich depressiv geworden. Es hat alle Lüste abgetötet: keine Lust zu arbeiten, keine Lust zu lesen, keine Lust zu essen und keine Lust auf Sex. Ich war der festen Überzeugung: das packe ich kein Jahr mehr.
Jetzt nehme ich abends fünf Loperamid vorm Zu-Bett-Gehen und tagsüber dreimal 2,5 ml Opiumtinktur. Das dürfte etwa 16 bis 17 Loperamid-Tagesdosis entsprechen. Die Müdigkeit ist nicht mehr ganz so schlimm, die Einnahmezeiten der Opiumtinktur sind so gegen 10-11 Uhr, dann 17-18 Uhr und vorm Zu-Bett-Gehen. Nach drei Horror-Monaten habe ich einen Teil meiner Lebensqualität zurück. Ich finde, das muss nicht sein. Es sollten hierzu Erfahrungen gesammelt und ausgetauscht werden. Ich habe meine dokumentiert und werde sie auf unserer Homepage bereitstellen. Wer sie nicht abrufen kann, kann sich an mich direkt wenden.
Vor zwei Monaten kam mir nun einfach mal in den Sinn, meine Blutspiegel der Vitamine A, C und E überprüfen zu lassen, weil es mir immer noch nicht gut ging. Das Ergebnis war schockierend: Vitamin C war in meinem Blut nicht nachweisbar!!! Ich vermute einen Zusammenhang mit der Einnahme von Opiumtinktur. Ich nehme jetzt täglich 300 mg Depot-Vitamin C. Seit etwa drei Wochen geht es mir noch ein bisschen besser. Nur die Sehstörungen sind noch da. So lange sich das nicht ändert, ist es tolerierbar.
Von der Lebensqualität zurück zur Diagnostik: Die lästigen Durchfälle können am wirksamsten durch Tumormassenreduktion reduziert werden - also Operation. Wenn ja, wo? In der Lunge - nein. Die Lymphknotenmetastasen im Mediastinum? Nur bei Hoffnung auf deutliche Besserung. Also: zur weiteren Absicherung lasse ich ein Knochenszintigramm, auch wegen Schmerzen in der Schädeldecke, anfertigen - kein Befund! Auch ein DOTA-TOC-Pet bringt nichts Neues: Die Lungenmetastasen sind nicht darstellbar, die Lymphknotenmetastasen aber wohl! Eine Dota-Toc-Therapie ist möglich - aber auch erfolgreich?
Neue Informationen durch einen neuen Venenkatheter - eher nein: Also weiter so wie die letzten zehn Jahre: abwarten: Mein Glaube hat mir dabei geholfen: Ich lebe jeden Tag so gut wie möglich und freue mich auf den nächsten.
FRAGEN:
- Einen Versuch der Therapie mit Somatostatin musste Herr Fellhauer wegen erheblicher Nebenwirkungen wie Übelkeit, Herzrasen und noch stärkeren Durchfällen abbrechen.
- Es ist möglich, dass durch die Durchfälle das Schilddrüsenhormon, das per Tablette eingenommen wird, nicht vollständig resorbiert wird und dadurch z. B. Depressionen entstehen. Thyroxin wird schon am oberen Ende des Dünndarms aufgenommen und nur bei starken Durchfällen muss die Dosis evtl. angepasst werden.
- Die Medikamente gegen Durchfall müssen individuell dosiert werden. Herr Fellhauer hat einige Zeit gebraucht, bis er mit Loperamid und Opiumtinktur eine Dosierung gefunden hat, die die Durchfälle stoppt ohne ihn allzu sehr zu beeinträchtigen. Den Weg bis dahin hat er dokumentiert, ein Bericht darüber ist im Internet auf der Internet-Seite c-zell-carzinom-online.info nachzulesen oder bei Herrn Fellhauer per Post zu bestellen.
- Von alleine werden die Durchfälle nicht mehr besser. Es gibt daher auch bei Nebenwirkungen der auf den Darm wirkenden Medikamente keine Alternative zu deren Einnahme, da bei fünf und mehr Durchfällen am Tag die Gewichtsabnahme auf Dauer zu gravierend ist.
3. Vortrag
Prof. Dr. med. Friedhelm Raue, endokrinologische, humangenetische Praxis, Brückenstr. 21, 69120 Heidelberg, E-Mail: raue-heidelberg@t-online.de
"Diagnostik im fortgeschrittenen Stadium"
siehe im Wesentlichen das Protokoll der Veranstaltung in Halle vom 13.11.2004 5. Vortrag "Tumornachsorge und systemische Therapie bei Metastasen"Die Überlebensrate beim MTC ist abhängig vom Tumorstadium bei Entdeckung. "Auch fortgeschrittene Stadien leben sehr lange."
Eine - palliative - Verkleinerung des Tumors und/oder von Metastasen ist in jedem Stadium möglich, wenn das Wachstum Beschwerden macht.
FRAGEN:
- Was ist mit sich neu bildendem Schilddrüsengewebe zu tun? Sind das C-Zellen?
Bei der familiären Variante des MTC muss der SD-Rest raus, bei der sporadischen kann er drin bleiben. Zur Produktion von SD-Hormon SD-Gewebe nachwachsen zu lassen ist nicht ratsam.
4. Vortrag
PD Dr. Weber, Klinik f. allg. Viszeral- und Unfallchirurgie a. d. Universitätsklinik Heidelberg
"Chirurgische Therapie im fortgeschrittenen Stadium"
siehe Protokoll der Veranstaltung am 25.10.2003 in Essen, 3. Vortrag Prof. Dr. med. D. Simon evang. Krankenhaus Bethesda, Duisburg "Chirurgische Strategien beim C-Zell-Carzinom"
und
Protokoll der Veranstaltung in Halle vom 13.11.2004 3. Vortrag Prof. Dr. H. Dralle "Chirurgische Therapie des medullären Schilddrüsenkarzinoms"
Von 10.864 Patienten mit SD-Knoten haben 0,43% ein MTC. Von den operierten MTCs waren 56% sporadisch und 44% erblich.
Bei exakter Chirurgie kann ein Lokalrezidiv und damit weitere OPs verhindert werden. Nach einer Untersuchung in Moley (St. Louis) wären 36% der befallenen Halslymphknoten unbehandelt geblieben, wenn man nur die sichtbar befallenen herausgenommen hätte.
Bei einem Calcitoninwert von mehr als 1.000 ist das MTC chirurgisch nicht mehr heilbar. Prinzipiell kann aber in jedem Stadium bei Beschwerden operiert werden, allerdings mit größerer Wahrscheinlichkeit für Nerven- und Nebenschilddrüsen-Schäden.
Während der OP kann in HD eine Untersuchung gemacht werden, ob es sich bei entferntem Gewebe um die Neben-SD oder bspw. nur um Fett handelt. Je nach Ergebnis (dauert 20 Min.) wird das Gewebe wieder eingesetzt.
Auch in Heidelberg wird "Neuromonitoring" angewandt, um die Stimmbandnerven zu erhalten. Bei 10% der PatientInnen entsteht eine Heiserkeit, die bei 4% bestehen bleibt.
Gibt es nach der OP noch einen Calcitoninwert von über 1.000, sollte die Diagnostik ausgedehnt werden.
Bei den voroperierten, zugewiesenen PatientInnen lagen zu 6% ein Resttumor aber zu 72% Metastasen vor.
Die Prognose ist bei PatientInnen, die älter als 50 Jahre sind, nicht schlechter.
Die Prozentzahlen von Frau Dr. Weber bzw. den Fällen in Heidelberg decken sich im Wesentlichen mit den schon bekannten Statistiken.
FRAGEN:
- Ein extrem schnelles Ansteigen des Calcitonin-Wertes nach einer OP ist nicht typisch und kann auch an Labor- bzw. Calcitonin-Schwankungen liegen. Bei sehr hohen Werten ist der Erfolg der lokalen OP entscheidend, nicht die Entwicklung des Calcitonin-Werts nach der OP.
- Um Lebermetastasen per Chemoembolisation behandeln zu können, müssen sie größer als 2 cm sein. In Heidelberg führt Herr Prof. Kaufmann in der Radiologie eine solche Behandlung durch.
- Nebenschilddrüsenschädigungen bei einer OP regenerieren sich zu 25% (= Calcium-Unterversorgung + entsprechende Auswirkungen), bei 10% bleibt die Calciumproduktion dauerhaft zu niedrig und muss ersetzt werden.
- Nach der 5. OP hat sich C-Zell-Tumorgewebe immer wieder schnell neu gebildet. Eine Bestrahlung war zu 60% erfolgreich: Hätte diese früher erfolgen sollen?
Möglicherweise wurde befallenes Gewebe vorher im Ultraschall nicht gesehen. Bei gutem Ansprechen auf Bestrahlung sollte die Diagnose überprüft werden.
5. Vortrag
PD Dr. T. Schilling, Innere Medizin I, Universität Heidelberg
"Systemische Therapien"
siehe auch Protokoll der Veranstaltung am 25.10.2003 in Essen 4. Vortrag, Dr. Janßen "Therapieoptionen im fortgeschrittenen Stadium"
und
Protokoll der Veranstaltung in Halle vom 13.11.2004 5. Vortrag, "Tumornachsorge und Systemische Therapie bei Metastasen" Das Auditorium ist besser informiert als mancher Arzt.
Beim MTC handelt es sich um eine seltene Krebsart, die man nur von spezialisierten Chirurgen operieren lassen sollte.
Somatostatin hat in Einzelfällen einen wachstumshemmenden Effekt, die Calcitonin-Sekretion wird in diesen Fällen gehemmt. Es wird zunächst subkutan (unter die Haut) und bei Verträglichkeit als Depot-Spritze in den Muskel verabreicht. Im Reagenzglas wirkt es apoptotisch gut, steht aber nicht als Medikament zur Verfügung.
Mit Interferon (IFN-alpha-2a/2b) gab es in Einzelfällen eine Rückbildung oder einen Wachstumsstillstand aber auch starke Nebenwirkungen. Es ist evtl. mit Sandostatin kombinierbar, die Nebenwirkungen sind aber oft nicht tolerabel.
Kann bei Chemotherapie nach drei Therapiezyklen kein Ansprechen festgestellt werden, sollte die Therapie abgebrochen werden. Sie ist nur letzte Option und sollte nur versucht werden, wenn ein rapides Wachstum ("mit dem Auge sichtbar") vorliegt und die Tumormasse definitiv inoperabel ist. Die Remissionsrate liegt bei 10-30% je nach Mittel bei hohen unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW).
Talidomit ("Contergan") hemmt das Wachstum von Blutgefäßen, die auch ein Tumor bildet und die zu seiner Versorgung dienen.
Rosiglitazon ("Avandia") kann wie die anderen genannten Medikamente auch im Rahmen eines "individuellen Heilversuchs" eingesetzt werden. Im Reagenzglas ist eine Apoptose (programmierter Zelltod) messbar. Bei fünf Patienten, die acht Monate lang die doppelte Dosis erhielten, die bei Diabetes üblich ist (wofür das Medikament zugelassen ist), haben sich Lymphknoten-Metastasen nicht reduziert, sondern sind weiter gewachsen, Eine höhere Dosis ist wegen UAW nicht möglich.
Sollte bei den Forschungen im Weiteren etwas herauskommen, mit dem was anzufangen ist, werden wirs erfahren.
FRAGEN:
- Es ist nicht das Calcitonin, das die Durchfälle verursacht. Es wird eine Reihe anderer Hormone und Substanzen von einem C-Zell-Tumor produziert. Von daher kann man auch nicht sagen, ab welchem Calcitonin-Wert die Durchfälle auftreten.
- Sandostatin hat den gleichen Rezeptor wie Octreotid.
- Kann eine Behandlung mit blutverdünnenden Mitteln eine hämatogene Metastasierung verhindern?
Eher nicht; die Vorstellung ist zu mechanisch und es gibt keine verlässlichen Daten, die eine solche Annahme/Behandlung rechtfertigen würden.
- Zur Wirksamkeit von Actos/Cox2-Hemmern ("Vioxx" etc.) gibt es keine Studienlage. Im Reagenzglas wird das (Tumor)Wachstum gehemmt. Die Einnahme kann daher nur eine individuelle Entscheidung bei Abwägung der UAW sein und ist eine Möglichkeit, solange es dem Patienten/der Patientin besser geht und die Krankenkasse zahlt.
- Weder für einen unterschiedlichen Verlauf bzw. die Notwendigkeit einer unterschiedlichen Therapie je nach Geschlecht noch für Unterschiede vor/nach den Wechseljahren gibt es Belege.
- Zur Eigenbluttherapie gibt es weltweite Treffen. Da das teuer ist, ist Vorsicht geboten. Sobald es ein seriöses Medikament gibt, werden wirs erfahren.
Protokoll: Bettina Kurz,
die jedes Mal denkt, dass es dieses Mal nicht so lang wird.
Anmerkung: Auch verfügbar als PDF-Datei: Protokoll vom 15.10.2005
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