Multiple Endokrine Neoplasie (MEN)
Typ 2A / Typ 2B
MIM 171400/162300/164761

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Einführung

Bei den multiplen endokrinen Neoplasien Typ 2A und Typ 2B (MEN 2A,     MEN 2B) (Abb. 1) und bei dem familiären medullären Schilddrüsenkarzinom (FMTC) finden sich Karzinome (medullary thyroid carcinoma, MTC) der Kalzitonin-produzierenden Zellen der Schilddrüse (C-Zellen).

In etwa 80% der Fälle liegt das Krankheitsbild des MEN 2A vor, während etwa 15% an FMTC leiden. MEN 2B tritt bei ca. 5 bis 6% dieser Patienten auf. Der Verlauf der letztgenannten Form ist insgesamt wesentlich aggressiver.
Während beim FMTC nur die C Zellen der Schilddrüse betroffen sind, entwickeln circa 50% der Betroffenen eines MEN 2A auch ein Phäochromo-zytom, und circa 10 bis 20% dieser Personen noch zusätzlich eine Nebenschilddrüsenhyperplasie. Beim MEN 2B kommen weitere Symptome wie Ganglioneurinome (v.a. an Lippe, Zunge und Kolon) sowie Skelett- und Augenanomalien hinzu.
Durch frühzeitige Diagnose und chirurgische Intervention kann das Auftreten aggressiver Metastasen, die häufigsten Todesursache dieser Patienten, verhindert werden.
Alle drei Krankheitsbilder werden durch Mutationen in einem Protoonkogen (RET-Protoonkogen) hervorgerufen. MEN 2 und FMTC werden autosomal dominant vererbt. Die Penetranz ist sehr hoch, so dass Nachkommen von Betroffenen eine fast 50%ige Erkrankungswahrscheinlichkeit aufweisen. Bei ca. 5 bis 11% der Patienten mit einem C-Zell-Karzinom wird eine Keimbahnmutationen vorgefunden. Bei etwa 50% der MEN 2B-Patienten handelt es sich um Neumutationen.

 

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Genetik

Das RET-Protein gehört zur Familie der membranständigen Tyrosinkinase-rezeptoren. Das kodierende Gen befindet sich auf dem langen Arm von Chromosom 10 (10q11.2).
Es konnte gezeigt werden, dass fast alle bisher identifizierten MEN 2A- und FMTC-Mutationen eines von fünf verschiedenen Cystein-Codons in den Exonen 10 und 11 (extrazelluläre Domäne) des RET-Proto-Onkogens betreffen (Tab. 1). Es handelt sich dabei um „missense“-Mutationen, bei der anstelle eines Cysteins eine andere Aminosäure im Genprodukt zu finden ist. Diese Mutationen bewirken eine dauernde Aktivierung ("gain-of-function") des RET-Proteines.


Die MEN 2b beruht zu 95% auf einer Mutation in der intrazellulären Domäne des Proteins, die für die Erkennung der Substrate verantwortlich ist. Die Aminosäure Methionin an Position 918 (Exon 16) ist dabei durch Threonin ersetzt.

 

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Indikation
Patienten mit einem C-Zell-Karzinom, auch bei sporadischen Fällen
Indexpatient einer MEN-bekannten Familie oder Familien mit medullärem Schilddrüsenkarzinom mit anschließenden Familienscreening zur Identifizierung von Genträgern und nicht gefährdete Personen
Untersuchung der Nachkommen von Betroffenen ab dem fünften Lebensjahr

 

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Diagnostik

Zum direkten Nachweis der zu MEN2 oder FMTC führenden Mutationen wird zunächst aus Patientenblut DNA isoliert. In vier Polymerase-Kettenreaktionen (PCR) werden anschließend die Exone 10, 11, 13 und 16 des RET-Proto-Onkogens amplifiziert. Durch die Sequenzierung dieser Fragmente werden Mutationen in diesen Exonen ausgeschlossen bzw. bestätigt.

Untersuchungsmaterial:

3 - 5 ml EDTA-Blut
(Versand durch Post oder Boten)

Dauer der Untersuchung: 2 Wochen

 

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Sonstiges

In der bisherigen Frühdiagnostik war man auf den Nachweis eines erhöhten Kalzitoninspiegels als Tumormarker angewiesen.
Die therapeutische Konsequenz aus einem Familienscreening ist in den meisten Fällen die prophylaktische Thyreoidektomie von Genträgern.

 

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Literatur

Dralle, H.; Höppner, W.; Raue, F.: „Prophylaktische Thyreoidektomie“.   Deutsches Ärzteblatt 93, Heft 14: 899-901 (1996).

Höppner, W.:
„Molekulargenetische Diagnostik der Multiplen Endokrinen Neoplasie Typ 2A und Typ 2B“. medgen 10: 290-292 (1998).

Keller-Donis, H.:
“The RET proto-oncogene and cancer“. J. Internal. Med. 238: 319-325 (1995).

Pacini, F. et al.:
“Early treatment of hereditary medullary thyroid carcinoma after attribution of multiple endocrine neoplasia type 2 gene carrier status by screening for RET gene mutations“. Surgery: 1031-1035 (1995).

Santoro, M. et al.:
“Molecular biology of the MEN 2 gene“. J. Internal. Med. 243:505-508 (1998).

Stuhrmann, M.:
„Der direkte Gentest beim familiären medullären Schilddrüsenkarzinom und bei MEN-Syndromen“. Fortschr. Med. 35/36: 503-506 (1995).

Wells, S.A. et al.:
“Predictive DNA testing and prophylactic thyroidectomy in patients at risk for multiple endocrine neoplasia type 2A“. Annals of Surgery 220,3: 237-250 (1994).

Wick, M.J.:
“Clinical and Molecular aspects of multiple endocrine neoplasia“. Clin. Lab. Med. 17,1: 39-57 (1997).

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